Kauf von Microsoft im Rückspiegel und was der Ankereffekt damit zu tun hat

Kennt ihr das: Ihr habt eine Aktie im Depot die läuft und läuft und läuft. Der Kurs steigt immer höher. Einerseits freut man sich über die Kursgewinne im Depot, auf der anderen Seite möchte man aber eigentlich auch nachkaufen um mehr Anteile der Firma im Depot zu haben. Gedanklich haftet man aber immer bei dem Kurs, zu dem man zuerst gekauft hat. Wenn euch das bekannt vorkommt sage ich nur: Willkommen im Club.

 

Auch ich ertappe mich immer mal wieder bei genau diesem Gedanken und werde somit von einem Phänomen erfasst, das in der Psychologie als “Ankereffekt” bezeichnet wird. Unser erster Einstiegskurs in eine Aktie setzt einen gedanklichen Anker, den wir nun immer dann heranziehen, wenn wir uns überlegen, ob wir einen Nachkauf tätigen wollen. Der Effekt verleitet uns also dazu, bei einer veränderten Realität an der alten Realität festzuhalten.

 

Es gibt hierzu ein interessantes Experiment des Verhaltensökonomen Dan Ariely. Er versteigerte Weinflaschen. Vor der Versteigerung ließ er die Testpersonen die letzten beiden Ziffern ihrer Sozialversicherungsnummer auf einen Zettel schreiben. Anschließend schlug er willkürliche Preise für seine Weinflaschen vor und fragte die Probanden, ob sie kaufen würden.

 

Man würde jetzt davon ausgehen, dass bei willkürlichen Preisen keinerlei Effekt zu erkennen sein sollte. Das Ergebnis war jedoch verblüffend. Diejenigen, deren Sozialversicherungsnummer eine kleine Endziffer hatten, waren bereit, durchschnittlich 8,64 Dollar für eine Flasche Wein zu zahlen. Diejenigen mit einer großen Endziffer gaben jedoch 27,91 Dollar aus.

 

Dies ist ein sehr plakatives Beispiel für den Ankereffekt und zeigt, dass auch Dinge, die miteinander in keinerlei Beziehung stehen, einen Einfluss auf unser Verhalten haben. Dies ist in der Tatsache begründet, dass unser Gehirn immer auf der Suche nach Vergleichswerten ist. Findet es keine, ist es auch bereit, völlig aus der Luft gegriffene Zahlen als Bezugspunkt zu wählen.

 

Übertragen auf die Börse wirkt dieser Effekt sogar noch wesentlich stärker auf uns. Hier ist der Anker nämlich nicht völlig willkürlich, sondern springt uns schwarz auf weiß in Form unserer ersten Einstiegspunkts in eine Aktie entgegen, wenn wir in unser Depot schauen.

 

Was man dagegen tun kann und wie ich persönlich damit umgehe möchte ich an einem Beispiel demonstrieren.

 

Dauerläufer Microsoft

Als Beobachtungsobjekt dient uns die Aktie des Dauerläufers Microsoft. Seit der Amtsübernahme des derzeitigen CEOs Satya Nadella im Februar 2014 hat der Aktienkurs um über knapp 500 Prozent zugelegt, inklusive Dividenden sogar über 660 Prozent.

 

Quelle: Traderfox

 

Der von Nadella geführte Technologiegigant aus Redmond war in den 2000er Jahren bei vielen nicht die erste Wahl. Die Firma galt als unsexy, hatte man die Aktie im Depot konnte man in der Zeit von Anfang der 2000er bis etwa 2014 nichts verdienen außer ein Paar Dividenden, die seit 2003 gezahlt werden.

 

Die Wende für Microsoft kam dann im Jahr 2014, als eben angesprochener Nadella die Führung des Unternehmens von seinem glücklosen Vorgänger Steve Ballmer übernahm. Dieser hatte im Jahr 2007 vor Einführung des ersten I-Phones dessen Neuentwicklung ins lächerliche gezogen und den Ausspruch getätigt: “Außer der Marke hat Apple nichts in petto, was andere Anbieter nicht auch zu bieten hätten. Daher garantiere ich Ihnen, dass sich das iPhone nicht sonderlich verkaufen wird.” Wie er sich doch täuschen sollte.

 

Seit 2014 kennt nicht nur der Aktienkurs, sondern auch der Gewinn von Microsoft nur einen Weg: den nach oben. Nun wäre es unfair, die Lorbeeren allesamt Nadella zuzuschieben und Ballmer als Clown dastehen zu lassen. Dieser hatte noch 2013 die Neuausrichtung von Microsoft in die Wege geleitet. Um den Turbo zu zünden bedurfte es dann allerdings weiterer neuer Impulse, die Nadella in überzeugender Weise zu setzen wusste.

 

Meine Käufe

Erstmals gekauft habe ich die Microsoft Aktie am 01.03.2017, also vor etwas mehr als vier Jahren. Insgesamt habe ich seit dem 14 weitere Käufe getätigt, wobei 10 davon kleinere Sparplankäufe waren:

 

Anzahl Preis Datum
1,6 60,75 € 01.03.2017
16 60,89 € 23.05.2017
0,3 96,71 € 15.08.2018
0,3 97,70 € 17.09.2018
0,3 95,00 € 15.10.2018
0,9 93,20 € 15.11.2020
0,4 100,50 € 03.12.2018
1,3 94,10 € 17.12.2018
0,6 89,82 € 15.01.2019
0,4 120,94 € 01.07.2019
8 122,18 € 22.07.2019
4 175,24 € 23.07.2020
6 176,94 € 17.08.2020
0,3 202,10 € 15.02.2021
0,3 214,80 € 15.04.2021

 

Geht man vom Erstinvest zu einem Kurs von 60,75 Euro aus liegt dieses heute mit über 250 % im Plus. Tatsächlich ist die Gesamtposition allerdings “nur” 120 % im Plus. Wie man sehen kann liegt zwischen dem ersten und zweiten Einmalkauf eine Zeitspanne von fast 2,5 Jahren. Auch bei mir hat hier der Ankereffekt zugeschlagen und ich wollte mir nicht meine schöne Performance in der Depotübersicht “versauen” lassen.

 

Warum habe ich dann trotzdem nachgekauft? Ich habe es irgendwann endlich geschafft, mich von meinem Einstiegskurs gedanklich abzukoppeln. Ich betrachte also im Moment eines (Nach-)Kaufs nur noch die aktuelle Entwicklung bzw. die aktuellen Aussichten eines Unternehmens. Die meisten werden jetzt denken: Ist doch logisch, darf man ja auch nie anders machen. Trotzdem muss ich, wenn ich ehrlich zu mir selbst bin zugeben, dass ich das eben lange nicht geschafft habe.

 

Nun mache ich in einem Moment in dem ich mir einen Nachkauf überlege keine neue vollständige Analyse des Unternehmens. Das ist dann aus meiner Sicht auch gar nicht mehr notwendig, ich habe das Unternehmen schließlich schon beim Erstkauf analysiert. Ich beschränke mich in diesem Fall auf einen kurzen Überblick in zwei Runden. Übersteht das Unternehmen Runde 1, kommt es in Runde 2.

 

Runde 1: Die Zahlen von Microsoft

Ein erster Blick geht auf die Gewinnentwicklung. Hier sehen wir ein Tief im Jahr 2015. Seit diesem Zeitpunkt explodieren die Gewinne und der Cashflow nahezu und das in einem rasanten Tempo. Auch die Prognosen bis zum Jahr 2023 rechnen weiter mit starkem Gewinnanstieg. Die Zahlen für 2024 blende ich an dieser Stelle aus, da es aus meiner Sicht nahezu unmöglich ist, die Zahlen in drei Jahren realistisch zu prognostizieren.

 

 

Quelle: Aktienfinder

 

Der Gewinn je Aktie ist in den vergangenen fünf Jahren um durchschnittlich 31,3 % gestiegen. Die Quartalszahlen vom 27.04.2021 haben die prognostizierten Analystenzahlen spielend geschlagen, wobei alle Geschäftsbereiche gute Zahlen geliefert haben.

 

Auch die Entwicklung der Margen seit dem Jahr 2017 ist sehr positiv verlaufen. Bis auf einen kleinen Aussetzer bei der Netto-Marge im Jahr 2018 haben sich Umsatz, Bruttomarge, operative Marge und die Netto-Marge verbessert.

 

 

Quelle: Aktienfinder

 

Die Entwicklung der Margen ist vor allem vor dem Hintergrund der hohen Marktkapitalisierung von Microsoft beachtlich. Mit einem Börsenwert von knapp 1,9 Billionen Dollar liegt man hier auf Platz 2 der größten börsennotierten Konzerne hinter Apple. Trotz allem schafft es das Unternehmen, die Margen weiter zu steigern was auf eine hohe Skalierbarkeit des Geschäftsmodells hinweist.

 

Das besondere an Microsoft ist die Verteilung der Umsätze, die sich sehr gleichmäßig auf drei Geschäftsbereiche verteilt.

 

Quelle: Aktienfinder, eigene Darstellung (Zahlen für das Geschäftsjahr 2020)

 

Das Segment “Intelligent Cloud” umfasst die Cloud- und Servicedienste des Unternehmens. Hierin erfasst sind außerdem Beratungs- und weitere Softwaredienstleistungen.

 

Der Bereich “More Personal Computing” beinhaltet das Betriebssystem Windows, die Bereiche Gaming (X-Box Hard- und Software), die Tablet-Familie Surface, die Microsoft HoloLens sowie die Suchmaschine Bing.

 

Im dritten Geschäftsbereich “Productivity and Business Processes” finden sich unter anderem das Office 365-Softwarepaket und das Netzwerk LinkedIn.

 

Alle drei Bereiche haben einen etwa gleich großen Anteil am Gesamtzusatz von Microsoft. Man bekommt hier sozusagen eine 3 in 1 Firma. In allen drei Bereichen ist in den kommenden Jahren weiterhin großes Wachstum möglich, so zumindest der Konsens aller Experten. Vor allem der Cloud-Markt wird weiter stark wachsen. Hier ist Microsoft nach Amanzon´s AWS die Nummer 2 weltweit.

 

Quelle: Statista, Umsatz mit Cloud-Geschäft in Milliarden Dollar weltweit

 

Nach meiner persönlichen Meinung wird das Unternehmen auch in den kommenden Jahren weiter wachsen und auch in der Lage sein, sein Geschäftsmodell zu erweitern und an aktuelle Gegebenheiten anzupassen. So wurde erst im April 2021 bestätigt, dass Microsoft die auf Spracherkennungssoftware spezialisierte Firma Nuance für knapp 20 Milliarden Dollar übernimmt. Ein wahrscheinlich sehr kluger Schachzug, kann man hiermit das Produktportfolio doch breiter aufstellen. So ist zum Beispiel vorstellbar, dass künftige Arzt- oder Beratungsgespräche von Microsoft-Software aufgezeichnet wird und durch die Spracherkennung sofort transkribiert, gefiltert und abgespeichert wird. Hier könnte zukünftig ein großer Markt liegen.

 

Diese kurze Betrachtung der positiven Geschäftsentwicklung reicht bei einem möglichen Nachkauf für mich aus, um das Unternehmen in die zweite Runde zu schicken, bei der es um die aktuelle Bewertung geht.

 

Runde 2: Die Bewertung von Microsoft

Bei einem Blick auf die Langzeitbewertung kommt sofort der Eindruck auf, dass Microsoft seit längerem massiv überbewertet ist.

 

Quelle: Fastgraphs

 

Auf 20 Jahre gesehen liegt das durchschnittliche KGV bei einem Wert knapp über 21. Die aktuelle Bewertung zeigt jedoch ein KGV von knapp 34,5 an. Wie man sehen kann, fand mein Ersteinstieg in 2017 etwa genau an dem Punkt statt, als der Kurs die blaue Linie berührte, das KGV also bei 21 lag. Nun könnte man an dieser Stelle bereits aufhören, weil der Aktienkurs seit diesem Moment immer oberhalb der blauen Linie verlief. Vergleicht man allerdings die Wachstumszahlen beim Gewinn je Aktie wird ersichtlich, warum der Kurs so stark gestiegen ist. Seit dem Jahr 2017 lag die Wachstumsrate jedes Jahr nahe der 20 %-Marke oder darüber. In den 15 Jahren davor waren auch gute bis sehr gute Jahre dabei. Allerdings wechselten sich diese regelmäßig mit schlechten Jahren ohne oder mit Negativwachstum ab. Diese Zeiten scheinen momentan der Vergangenheit anzugehören. Momentan deshalb, weil wir alle nicht in Zukunft sehen können.

 

Um auf die derzeit angemessene Bewertung zu kommen müssen wir den Betrachtungszeitraum also eingrenzen. Deshalb betrachten wir die Zeit seit 2017 nun isoliert.

 

Quelle: Fastgraphs

 

Wie wir sehen können hat sich das durchschnittliche KGV für diesen kürzeren Zeitraum auf knapp 27,5 erhöht. Dies trägt der Tatsache des anziehenden Gewinnwachstums Rechnung. Der 1. Nachkauf lag hier wieder am Schnittpunkt von Kurs und blauer Linie. Der 2. Nachkauf lag dann darüber, war für mich aber immer noch im Rahmen.

 

Vorsicht ist natürlich geboten bei den Zahlen von 2021 bis 2023. Diese entsprechen den Analystenschätzungen und das man diesen nicht immer trauen kann wissen wir alle zur Genüge. Zumindest hat man so aber einen Indikator, ob die Aktie momentan fair bewertet sein könnte, oder ob sie deutlich überteuert ist.

 

Schaue ich mir die momentanen Zahlen an, ist die Microsoft-Aktie aus meiner persönlichen Sicht teuer. Allerdings nicht derart abwegig, als ein Nachkauf unmöglich wäre. Hier muss man sich dann seine eigenen Gedanken machen, wo man das Unternehmen in einigen Jahren sehen könnte.

 

Fazit

Die dargestellte Vorgehensweise bei Nachkäufen ist relativ simpel muss ich zugeben. Hier finden weder Sonderfaktoren, noch Marktphasen oder ähnliches Beachtung. Diese muss man zur jeweiligen Kauf-Situation noch gesondert betrachten. Das skizzierte Vorgehen hilft mir allerdings in zwei Punkten: Zum einen kann ich so den Ankereffekt ausblenden und zum zweiten kann ich sehr schnell sehen, ob es sich lohnt bei einzelnen Unternehmen über einen Nachkauf nachzudenken.

 

Jetzt interessiert mich: Wie geht ihr bei Nachkäufen vor? Habt ihr hierzu eine Strategie oder entscheidet ihr situativ? Ich freue mich über Kommentare.

 

Zum Abschluss noch ein kurzer Hinweis, bei welchen Brokern die Microsoft-Aktie sparplanfähig. Solltet ihr ein Depot eröffnen würde ich mich freuen, wenn ihr meinen Link nutzt. Ihr unterstützt damit diesen Blog und meine Arbeit. Euch entstehen dadurch keine Nachteile oder Kosten:

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2 Gedanken zu „Kauf von Microsoft im Rückspiegel und was der Ankereffekt damit zu tun hat

  1. Marc Antworten

    Hallo,

    erstmal dickes Lob an dich und deine Arbeit, du bist eine riesen Inspiration!

    und nun zum Thema 😉

    Ich schaue bei Nachkäufen meistens hauptsächlich auf den RSI, ein wenig auf KGV und die 200-Tages-Linie, wenn die anzeigen, dass der Wert gerade “günstig” ist wird gekauft auch wenn die Aktie teurer als mein “Ankerpunkt” ist.

    Gruß von ebenfalls einem Beamten – allerdings aus Süd-BW 🙂

    • Beamteninvestor Autor des BeitragsAntworten

      Hallo Marc,

      danke für deinen Kommentar.

      Auch eine interessante Vorgehensweise, werde ich mir in Zukunft auch mal genauer anschauen.

      Viele Grüße,
      Ben

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