Die Macht des Zinseszins

Der ein oder andere wird vielleicht die Geschichte des Jesus-Pfennigs kennen. Hierbei handelt es sich um ein Gedankenexperiment des britischen Ökonomen und geistlichen Richard Price. Die Story geht so: Josef ist glücklich über die Geburt seines Sohnes Jesus und möchte diesem zu seiner Geburt ein Geschenk machen. Wie wir wissen, war Josef nicht mit Reichtum gesegnet, seine Mittel waren also sehr beschränkt. Josef geht zur Bank, eröffnet ein Sparkonto und zahlt einen Pfennig ein. Die Bank sagt ihm eine Verzinsung von 4 % jährlich zu.

 

Übertragen wir das Ganze auf die heutige Zeit und gehen davon aus, Josef hätte einen Euro-Cent eingezahlt. Die Preisfrage lautet nun: Wieviel Geld wäre im Jahr 2020 aus diesem einen Cent geworden? Gehen wir das Ganze mal von vorne an. Nach 118 Jahren wäre aus dem einen Cent 1 Euro geworden. Das haut einen nun nicht vom Hocker, allerdings hat sich der Betrag in knapp 120 Jahre insgesamt verhundertfacht. Das hört sich doch schon besser an. Im 300. Jahr würde die Marke von 1.000 Euro überschritten, nach 385 Jahren würde sich die Summe bereits auf 35.000 Euro belaufen. Und das alles mit einer Einzahlung von einem Cent.

 

Das Ganze wird aber noch viel besser. Um einfacher rechnen zu können, münzen wir diese 35.000 Euro nun in Gold um. Danach würde der 1 Cent nach etwa 560 Jahren den Gegenwert von einer Tonne Gold ergeben (auch wenn dies nicht so ohne weiteres zu berechnen ist, da der Goldpreis bekanntlich schwankt). Im Jahre 812 würde die Seitenlänge des Goldwürfels einen Meter betragen, im Jahr 1165 dann schon einen Kilometer. Im Jahr 1871 würde der Goldklumpen dann die Größe der gesamten Erdkugel ergeben. Ihr könnt euch nun vorstellen, wie es weitergeht. Im Jahr 2020 wären aus dem einen Cent schließlich 345 Erdkugeln aus Gold geworden.

 

Natürlich ist dieses Beispiel absolut unrealistisch. Es veranschaulicht allerdings, welche Macht der Zinseszins-Effekt entfaltet. Und hier kommt dann unsere menschliche Natur ins Spiel. Unser Gehirn ist nicht in der Lage, exponentiell zu denken. Wir schreiben Dinge in die Zukunft linear fort, weil wir gadanklich gar nicht in der Lage sind, den Sachverhalt anders zu erfassen. Als weiteres Beispiel unserer heutigen Zeit sei die aktuelle Corona-Pandemie genannt. Auch hier sind die Infektionszahlen zeitweise exponentiell gestiegen. Mathematisch war das absolut logisch und vorhersehbar, viele Menschen hatten aber große Angst dabei, weil wir es eben gedanklich nicht richtig erfassen können.

 

Zinseszins beim Investieren

Schöne Geschichte, aber wie bringt uns das jetzt konkret beim Investieren weiter? Die Antwort ist einfach: Es zeigt uns, dass langfristiges Investieren wichtig ist. Reich an der Börse wird man in der Regel durch die Dauerhaftigkeit der Anlage. Als Beispiel können wir einen der erfolgreichsten Investoren unserer Zeit, Warren Buffett, heranziehen. Im Alter von 30 Jahren wurde Warren zum Millionär. Bis zur ersten Milliarde dauerte es dann etwa 25 Jahre, bis er diese mit Mitte 50 erreichte. Bei Erreichen des eigentlichen Rentenalters mit etwa 66 Jahren betrug sein Vermögen dann bereits 17 Milliarden Dollar, mit 83 Jahren dann 58,5 Milliarden Dollar.

 

Den Großteil seines Vermögens hat er also erst mit über 60 Jahren erwirtschaftet. Ein besseres Beispiel für die Macht des Zinseszins kann es fast nicht geben. Albert Einstein wird nachgesagt, er hätte den Zinseszins als “achtes Weltwunder” bezeichnet. So falsch lag er damit nicht, sollte dieser Satz tatsächlich von ihm stammen.

 

Die Bedeutung des Zins- bzw. Zinseszinseffekts kann also gar nicht stark genug betont werden, auch wenn dieser im alltäglichen Trading oder Börsenhandel meist untergeht.

 

Nehmen wir mal ein Beispiel, welches nicht ganz so abstrakt ist, sondern für uns Privatanleger besser greifbar ist. Wir investieren einen festen Betrag von 10.000 Euro einmalig in den Aktienmarkt. Der unten stehenden Tabelle könnt ihr nun entnehmen, wie viel aus diesem Betrag werden kann. Bei einer Verzinsung von 5 % werden aus den 10.000 Euro nach 20 Jahren beispielsweise 26.533 Euro, nach 40 Jahren schon 70.400 Euro. Natürlich kann man jetzt einwenden, dass es sich lediglich um Spielereien handelt und Transaktionskosten und Steuern nicht in das Beispiel einbezogen sind. Dazu sage ich: Absolut richtig! Darum geht es mir aber gar nicht. Die Tabelle soll aufzeigen, dass der Zinseszins wirkt und das eben am Besten nach vielen Jahren.

 

Warum geht die Tabelle bis zu 25 % jährlicher Verzinsung? Nun, weil genau der Bereich zwischen 20 – 25 % die Spanne ist, in der sich Warren Buffett jahrzehntelang bewegt hat. Mit seiner Beteiligungsholding Berkshire Hathaway erzielte Buffett zwischen 1964 und 2019 eine durchschnittliche jährliche Kursperformance von knapp 20 %. Dies kann übrigens sehr transparent in den legendären jährlichen Shareholder Letters nachgelesen werden, die eine Fundgrube an Wissen für jeden Investor sind. Auf der ersten Seite jedes Briefes wird die Performance in einer Zeitreihe dargestellt. Die Briefe können alle hier heruntergeladen werden. Bevor Buffett Berkshire komplett übernahm und diese zur Beteiligungsholding umbaute, hatte er bereits eine Vielzahl an Partnerships gegründet mit denen er 14 Jahre lang im Schnitt sogar fast 30 % Rendite erzielte. Nun könnte man natürlich denken: Super, dann investiere ich all mein Geld in Berkshire Hathaway und gut ist. Das wäre vielleicht nicht die schlechteste Idee, allerdings muss man Bedenken, dass Buffett alleine schon aufgrund der Größe des Unternehmens in den letzten Jahren eher die Rendite des S&P 500 erzielte, die deutlich geringer liegt. Darüber hinaus ist er bereits fast 90 Jahre alt. Sein Co-Chef Charlie Munger ist bereits 95 Jahre alt.

 

Jahr 5% 10% 15% 20% 25%
5 12.763 € 16.105 € 20.114 € 24.883 € 30.518 €
10 16.289 € 25.937 € 40.456 € 61.917 € 93.132 €
15 20.789 € 41.772 € 81.371 € 154.070 € 284.217 €
20 26.533 € 67.275 € 163.665 € 383.379 € 867.362 €
25 33.864 € 108.347 € 329.190 € 9.539.622 € 2.646.978 €
30 43.219 € 174.494 € 662.118 € 2.373.763 € 8.077.936 €
35 55.160 € 281.024 € 1.331.755 € 5.906.682 € 24.651.903 €
40 70.400 € 452.592 € 2.678.635 € 14.697.716 € 75.231.638 €

 

Nun bin ich selbst kein Warren Buffett, also werde ich mich langfristig eher im Bereich zwischen 5 – 10 % bewegen. Das ist auch gar nicht schlimm, denn mein Ziel ist nicht die Anhäufung mehrerer Milliarden, sondern irgendwann über den Cashflow meiner Investitionen meinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Außerdem habe ich nicht nur 10.000 Euro angelegt, sondern einiges mehr und ich investiere weiter.

 

Wie agiert der ideale Anleger

Ausgehend von den obigen Darstellungen ist jetzt die spannende Frage, wie denn der ideale Anleger aussieht? Nehmen wir Investor X als Beispiel. Die Aktie der Firma A notiert bei 100 Euro. Investor X ist der Meinung, das Unternehmen ist unterbewertet und kauft. Steht die Aktie bei 110 Euro verkauft er wieder mit einer Rendite von 10 %. Schöner Gewinn, ganz nach dem Motto: An Gewinnmitnahmen ist noch keiner gestorben. Nun begibt er sich auf die Suche nach einer weiteren unterbewerteten Aktie und das Spiel geht von vorne los. Landläufig bezeichnet man so jemanden als Spekulant oder Trader.

 

Investor Y dagegen sucht sich Unternehmen aus, die auf viele Jahre hinaus ein stabiles Wachstum annehmen lassen. Weist das Unternehmen eine durchschnittliche Steigerung des Aktienkurses von jährlich 15 % auf, verdoppelt sich der Wert der Anlage bereits nach etwa 5 Jahren. Nach 32 Jahren hat sich der Wert verhundertfacht. Das Vorgehen von Investor Y bezeichnet einen Langfristanleger.

 

Investor Z schließlich kombiniert die Ansätze der Investoren X und Y. Er kauft ebenfalls Unternehmen, die über viele Jahre stabil wachsen. Allerdings tut er dies nicht zu jedem Preis, sondern nur dann wenn er der Meinung ist, dass das Unternehmen an der Börse unterbewertet ist. Freilich hört sich das nun leichter an, als es tatsächlich ist. Was die zukünftige Unternehmensentwicklung angeht, können wir lediglich Prognosen anstellen. Eine Gewissheit haben wir nie. Investor Z kann man den Titel Value-Investor verpassen.

 

Was ist nun am Besten? Das beste Ergebnis wird aller Voraussicht nach Investor Z erzielen. Ehrlicherweise muss man aber auch sagen, dass er die schwierigste Aufgabe von allen dreien hat und mit den meisten Unbekannten arbeiten muss. Warren Buffett war zu Beginn seiner Investitionskarriere übrigens ein klassischer Investor X. Bei seinem Lehrmeister Benjamin Graham erlernte er die Tatik des “Zigarren-Stummel” Investings. Hierbei werden stark unterbewerte Unternehmen, die unterhalb ihres Buchwerts handeln, gekauft. Erreicht der Aktienkurs seinen errechneten inneren Wert, wird wieder verkauft. Erst Charlie Munger brachte Buffett dazu, dieses Handeln mit der Zeit zu überdenken und zu einem Z-Investor zu werden.

 

Warum tue ich nicht, was ich predige

Reflektiere ich nun mit diesem Wissen mein eigenes Anlegerverhalten, muss ich selbstkritisch zugeben, dass ich kein Z-Investor bin. Ja, ich kaufe Unternehmen (wie Anleger Y) um sie langfristig zu halten und ja, ich versuche dabei (wie Anleger X) einen guten Einstieg zu finden.

 

Ich investiere aber auch in Hochdividendenwerte wie BDCs. Streng nach den obigen Maßstäben dürfte ich das eigentlich nicht tun, denn ich weiß, dass die Gesamtrendite dieser Anlageklasse deutlich unter der anderer Bereiche liegt. Warum tue ich es trotzdem? Die einfache Antwort wäre: Na wegen der Dividende. Dies führt aber zu kurz. Tatsächlich ist es meine eigene Psyche, die mich zu diesem handeln führt. In den letzten Jahren habe ich festgestellt, dass ich bei Kursschwankungen wesentlich besser schlafen kann, wenn ich weiß, dass Dividenden fließen. Mir ist durchaus bewusst, dass rational eine Anlage in Wachstumswerte, die ihr Geld in die Vergrößerung des eigenen Geschäfts packen, wahrscheinlich die größte Rendite verspricht. Was bringt mir das aber, wenn ich irgendwann dann doch panisch den Verkaufsknopf drücke, wenn die nächste Krise für einen Kurssturz sorgt. So kann ich mit meiner Investitionsstrategie gut schlafen, wohl wissend dass ich einige Prozente auf dem Weg liegen lasse.

 

Was für ein Investor bist du? Machst du dir über derartige Dinge auch Gedanken? Ich freue mich auf Kommentare.

 


Quelle der Grafiken und Bilder: dadaviz.com

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