Aktienkauf auf Kredit: Mein persönliches Regelwerk

Hier auf dem Blog und auch bei Instagram gehe ich sehr offen damit um, dass ich unter anderem Aktien auf Kredit kaufe. Bevor ihr jetzt weiterlest, möchte ich ganz deutlich auf einen Punkt hinweisen: Dieser Beitrag soll AUF KEINEN FALL eine Aufforderung sein, mir das Ganze nachmachen. Da ich mittlerweile viele Fragen erhalten habe, wie ich vorgehe bzw. wie hoch mein Hebel ist, möchte ich hier etwas Licht ins Dunkel bringen. Ganz wichtig dabei ist jedoch, dass ein Hebel nicht jedermanns Sache ist, man sich ein striktes Risikomanagement auferlegen muss und ansonsten auch andere Parameter stimmen müssen. Diese können je nach persönlicher Lage sehr individuell sein. Somit genug mit der Vorrede und dem Risikohinweis, gehen wir in die Vollen.

 

Warum überhaupt Aktien auf Kredit?

Wie der Name meines Blogs vermuten lässt, friste ich ein Dasein als Beamter. Für alle Unbedarften möchte ich an dieser Stelle kurz ausführen, was ein derartiger Status überhaupt bedeutet. Wer sich damit auskennt, kann direkt zum nächsten Abschnitt springen.

Die Grundsätze des Berufsbeamtentums in Deutschland sind grundgesetzlich verankert in Artikel 33 GG. Sehr kryptisch formuliert heißt es dort in Absatz 5: Das Recht des öffentlichen Dienstes ist unter Berücksichtigung der hergebrachten Grundsätze des Berufsbeamtentums zu regeln und fortzuentwickeln. Genau hier wird es interessant. Was sind nun die hergebrachten Grundsätze des Berufsbeamtentums? Wichtig für unser Thema sind die folgenden Punkte:

Die grundsätzliche Anstellung auf Lebenszeit was gleichbedeutend ist mit einer Unkündbarkeit. Jeder Beamte, der also eine Urkunde (Arbeitsverträge gibt es bei Beamten nicht) mit dem Wort Lebenszeit ausgehändigt bekommen hat, kann sich diesbezüglich erleichtert zurücklegen. Hier kommt jetzt dann zugleich Segen und Fluch zum Tragen. Segen, weil die Unkündbarkeit nicht an die Arbeitsleistung geknüpft ist. Der Beamte kann also mehr oder weniger das Arbeiten einstellen und es hat trotzdem wenig Auswirkungen auf seine Stellung. Ein Fluch, weil einige wenige das genauso praktizieren und so den Ruf des gesamten Berufsstands versauen. Wer kennt nicht die Sprüche über faule, schlafende Beamte. Faktisch können mir also eine Rezession oder flächendeckende Kündigungen, Kurzarbeit, Lohnkürzungen etc. nichts anhaben. Sollte es doch einmal relevant werden, haben wir in unserem Land viel größere Probleme als die Höhe des privaten Aktienportfolios.

Das Alimentationsprinzip: Ja, ihr lest richtig. Der Beamte bezieht keinen Lohn oder ein Gehalt, er erhält Alimente. Das bedeutet, dass der Dienstherr verpflichtet ist, Beamte sowie ihre Familien lebenslang angemessen zu alimentieren und ihnen nach ihrem Dienstrang, nach der mit ihrem Amt verbundenen Verantwortung und nach der Bedeutung des Berufsbeamtentums für die Allgemeinheit entsprechend der Entwicklung der allgemeinen wirtschaftlichen und finanziellen Verhältnisse und des allgemeinen Lebensstandards einen angemessenen Lebensunterhalt zu gewähren. Langer Satz, ich weiß. Konkret: Nicht nur während des Berufslebens muss ausreichend gezahlt werden, sondern lebenslang. Nach jetziger Rechtslage erarbeite ich als Beamter analog von Rentenpunkten einen jährlichen Pensionsanspruch von etwa 1,79 %. Nach 40 Dienstjahren ist der Maximalsatz von 71,75 % erreicht. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Rentensatz liegt momentan bei 45 %. Erschwerend hinzu kommt, dass sich die Rentenhöhe am durchschnittlichen Einkommen der gesamten Berufstätigkeit bemisst. Beim Beamten errechnet sich die Pension anhand des letzten Gehalts vor dem Ruhestand und das ist bei jedem Beamten in 99 % der Fälle das höchste Gehalt, dass er jemals erhalten hat. Das Ganze kann man jetzt als ungerecht empfinden. Das soll aber hier gar nicht Diskussionspunkt sein, sondern die Tatsache, dass Beamte eine gute Absicherung genießen. Ich gehe übrigens keinesfalls davon aus, dass ich persönlich diese Pension jemals erhalten werde, weil auch hier große Einschnitte unvermeidlich sind. Nichtsdestotrotz ist der Beamte absicherungstechnisch klar im Vorteil.

Die Absicherung im Krankheitsfall: Wird der Arbeitnehmer krank, erhält er in der Regel sechs Wochen Lohnfortzahlung. Danach kann er bis zu maximal 78 Wochen reduziertes Krankengeld beziehen. Anschließend folgt in der Regel der Bezug einer Erwerbsunfähigkeitsrente, deren Höhe erschreckend niedrig ist. Bei Krankheit eines Beamten passiert erst mal nichts. Die Bezüge werden weiterhin in gleicher Höhe gezahlt, theoretisch unbegrenzt. Der Dienstherr wird dem ganzen früher oder später natürlich einen Riegel vorschieben. Was dann folgt ist die Feststellung einer Dienstunfähigkeit und die zeitweise oder auf Dauer angelegte Versetzung in den Ruhestand. Auch hier ist die Absicherung wieder deutlich besser als bei Nichtbeamten. Das Mindestruhegehalt liegt bei etwa 1.900 Euro. Sind entsprechende Dienstjahre vorhanden, kann dies deutlich höher ausfallen. Zusätzlich habe ich persönlich noch eine Berufsunfähigkeitsrente abgeschlossen, die für Beamte zu guten Konditionen zu erhalten ist.

Nun ist als Beamter natürlich nicht alles Gold was glänzt. Bei entsprechender Ausbildung und Stellung kann man durchaus gut verdienen. Man muss sich allerdings im Klaren darüber sein, dass in der freien Wirtschaft ganz andere Löhne erzielt werden können. Die Absicherung ist aber auf jeden Fall, wie aufgezeigt, sehr gut. Spanne ich den Bogen nun wieder zurück, wird vielleicht klarer, warum ich bereit bin auch mal höheres Risiko zu fahren. Sollten die Märkte mal total gegen mich laufen, muss ich keine Angst haben vielleicht auch noch meinen Job zu verlieren, oder während einer Krankheit etwaige Kosten nicht mehr zahlen zu können. Spätestens an dieser Stelle sollte jedem klar sein, dass es sich bei der Beantwortung der Frage „Aktien auf Pump – Ja oder Nein“ um eine sehr individuelle Angelegenheit geht.

Was verspreche ich mir aber jetzt mit dieser Aktion? Jeder Immobilieninvestor weiß den Segen des finanziellen Hebels zu schätzen. Mit geringem oder sogar ohne Eigenkapital wird vermietbarer Wohn- oder Geschäftsraum erworben. Der aufgenommene Kredit wird dann durch den Mieter abbezahlt.

Fakt ist: Ist bin einfach nicht der Typ (zumindest im Moment), der zum Vermieter gemacht ist. Meine handwerklichen Fähigkeiten sind sehr rudimentär ausgeprägt, darüber hinaus verspüre ich nicht wirklich viel Lust an einer Tätigkeit als Vermieter. Ich möchte aber trotzdem in gewissem Umfang an der Hebelwirkung teilhaben. Und genau an dieser Stelle kommt nun der Wertpapierkredit ins Spiel.

Das Problem am Wertpapierkredit im Vergleich zum Hypothekenkredit für eine Mietwohnung ist die sekündliche Preisfestsetzung am Aktienmarkt. Bei einem Haus findet keine permanente Wertermittlung statt und es hängt auch kein Preisschild an der Tür, das sich stündlich ändert. Anders bei Aktien. Hier findet über die Börse eine permanente Preisfestsetzung statt. Bei der Hypothek dient die Wohnung als Sicherheit, beim Wertpapierkredit die im Depot befindlichen Aktien. Kommt es jetzt zu einem Börsencrash, fallen die gehaltenen Aktien möglicherweise ins Bodenlose. Ab einem gewissen Punkt reichen diese als Sicherheit für den Kredit nicht mehr aus – es kommt zu einem Margin Call durch den Broker. Das heißt, entweder sofort Geld als Sicherheit nachschießen, oder die Aktien werden zwangsverkauft. Dann natürlich zu einem Preis, zu dem man auf keinen Fall verkaufen möchte. Damit genau diese Konstellation nicht eintritt, benötigt man ein vorab genau festgelegtes Regelwerk zur Inanspruchnahme eines Wertpapierkredits.

Natürlich kann es auch ganz anders laufen und genau deshalb nimmt man den Kredit ja auch in Anspruch. Die Aktien steigen, man erhält Dividenden und diese zahlen gleichzeitig den Kredit ab. Eben eine Hebelwirkung.

Was tue ich persönlich jetzt aber, damit mir das Ganze nicht irgendwann um die Ohren fliegt? Hier kommt mein Zwei-Punkte-Regelwerk ins Spiel!

 

Das Zwei-Punkte-Regelwerk

Regel Nummer 1: Die maximale Beleihungsgrenze des Depots ist auf 20 % des Depotwerts festgelegt!

Warum 20 %? Ich decke den Wertpapierkredit über meinen Broker Degiro ab. Dazu später in der technischen Umsetzung mehr. Das Beleihungssystem von Degiro umfasst zwei Risikobegrenzungen. Die erste legt einen pauschalen Beleihungswert von Aktien von 70 % zugrunde. Der Kredit darf also nicht höher als 70 % des Depotwerts steigen. Entsprechend braucht es einen ausreichenden Puffer um stark fallende Kurse aufzufangen. Die zweite Risikobegrenzung betrifft das individuelle Portfolio. Degiro teilt alle Aktien in die Risikoklasse A, B, C und D ein. Zusätzlich wird die jeweilige Diversifizierung des Portfolios betrachtet und in Summe dann ein Portfoliorisiko berechnet. In der Regel liegt dieses bei etwa 30 % des Depotwerts.

Konkret: Mein persönliches Depotvolumen liegt momentan bei etwa 200.000 Euro. Gehen wir fiktiv davon aus, 100.000 Euro wären Eigenkapital, 100.000 Euro Fremdkapital. Die Kreditsumme würde bei einem Depotwert von 142.857 Euro die Grenze von 70 % überschreiten. Das entspricht einem Drawdown von knapp 30 %. Das ist durchaus im Bereich des Möglichen. Aus diesem Grund wäre mir dieser Hebel persönlich zu hoch.

Bleiben wir im Bereich der 20 %. Gleiches Beispiel: Mein Depotwert liegt bei 200.000 Euro. Ich nehme einen Wertpapierkredit in Höhe von 20 %, also 40.000 Euro in Anspruch. Das Depotvolumen liegt dann also bei 240.000 Euro. Wann wäre hier die 70 % Grenze erreicht? Das Depot müsste auf einen Wert von 57.142 Euro fallen. Dies entspricht einem Drawdown von etwa 76 %. Das ist ein Wert mit dem ich leben kann.

Wenn wir uns die größten Krisen der vergangenen 120 Jahre anschauen, hatten wir folgende Kurseinbrüche (auf Basis des S&P 500):

Weltwirtschaftskrise 1929-1930:

86,1 %

Dot-Com-Blase 2000-2002:

49,1 %

Finanzkrise 2007-2009:

56,4 %

Wir sehen also, also ein Kurseinbruch von über 75 % ist nicht unmöglich, aber doch eher unwahrscheinlich.

 

Regel Nummer 2: Die maximale Summe des Wertpapierkredits ist auf 50.000 Euro festgelegt!

Warum gerade 50.000 Euro? Zum einen ist das ein noch „überschaubarer“ Betrag. Das Risiko bei einer höheren Summe ist mir schlicht zu groß.

Praktisch bedeutet dies, dass die 50.000 Euro ab einem Depotwert von 250.000 Euro in Anspruch genommen werden dürfen. Ist der Depotwert geringer, ist die Grenze von 20 % maßgeblich. Das bedeutet auch, dass in einem fallenden Markt der Kredit vorrangig zurückzuführen ist, sollte die 20 % – Grenze überschritten werden.

Als weitere Absicherung für den unwahrscheinlichen Fall eines höheren Kursverfalls als die genannten 75 % werden Rahmenkredite vorgehalten. So ist gesichert, dass keine Aktienverkäufe erfolgen müssen.

Jedes Regelwerk kann natürlich nur so gut funktionieren, wie es technisch auch umsetzbar ist. Hierzu kommen wir nächsten Abschnitt.

 

Technische Umsetzung

Wie bereits oben angedeutet, wird das Konstrukt des Wertpapierkredits über den Broker Degiro abgebildet. Hier kommt mir persönlich der niedrige Leitzins jetzt sehr entgegen. Grundsätzlich bin ich ein Mensch der versucht, aus den vorhandenen Gegebenheiten das Beste zu machen. Wir sollten also nicht über niedrige Zinsen jammern, sodern die Tatsache zu unserem Vorteil nutzen. Insofern sind die Zeiten für einen Wertpapierkredit geradezu paradiesisch.

Degiro bietet das Konstrukt des „Debit-Gelds“ an. Man kann sich monatlich eine feste Summe an Kreditrahmen zusichern lassen. Der Zinssatz liegt hierbei bei unschlagbar günstigen 1,25 %, oder anders ausgedrückt bei einem Plus von 1,25 % auf den EONIA. Hierbei handelt es sich um den Übernacht-Zinssatz des europäischen Interbankenmarkts. Da dieser seit 2015 im Minusbereich notiert, werden hier lediglich die 1,25 % fällig (Minus-Beträge werden leider nicht berücksichtigt). Es ist nicht absehbar, dass sich dieser Wert in den nächsten Jahren ändert.

Bei der maximal in Anspruch genommenen Summe von 50.000 Euro wären jährlich 625 Euro an Zinsen, oder knapp 50 Euro monatlich fällig. Dies dürfte sich leicht durch laufende Dividendenzahlungen ausgleichen lassen. Im Durchschnitt steigen die Märkte mit etwa 7 % pro Jahr. Hier wird also die Möglichkeit des Hebels ersichtlich.

Kommen wir nun noch zur Absicherung mittels Rahmenkredit. In einem sehr unwahrscheinlichen Fall eines Margin Calls bei der beschriebenen Vorgehensweise muss schnell Geld nachgeschossen werden. Findet dies nicht statt, wird der Broker Wertpapiere zwangsliquidieren. Nun wird kein Mensch größere Summen ungenutzt herumliegen haben, sonst hätten diese ja statt der Kreditsumme investiert werden können. Hier kommen nun die in Deutschland relativ unbekannten Rahmenkredite ins Spiel.

Die Vorteile eines Rahmenkredits sind eine dauerhafte Abrufmöglichkeit, eine völlig flexible Rückzahlung sowie eine beliebige Auszahlungshöhe bis zur Höhe des genehmigten Kreditbetrags. Diese liegt bei deutschen Anbietern in der Regel bei 25.000 Euro. Bei entsprechendem Bonitätsnachweis ist ein solcher Rahmenkredit schnell beantragt und bewilligt. Damit wären wir wieder beim Punkt. Wer genießt in Deutschland höchste Bonität? Genau, die Beamten.

Beantragt habe ich zwei Rahmenkredite zu jeweils 25.000 Euro bei der ING und bei der VW Bank. Beide wurden problemlos bewilligt. Die Zinssätze liegen bei 6,46 % bei der VW-Bank (im ersten Jahr bei 2,95 %) sowie bei 5,83 % bei der ING. Stolze Zinssätze in der heutigen Niedrigzinsphase, aber deutlich günstiger als ein Dispo-Kredit.

Monatlich zu zahlen sind bei beiden Anbietern lediglich die anfallenden Zinsen, eine Tilgung kann in jeglicher gewünschten Höhe und zu jedem Zeitpunkt erfolgen. Der absolute Worst-Case der also passieren kann, ist ein Kredit mit einem Zinssatz von etwa 6 %. Diesen kann ich persönlich ohne Probleme aus dem laufenden Einkommen bedienen.

Meine Epfehlung: Der Rahmenkredit der ING
 

Fazit

Von vielen erfahren Börsianern hört man den Satz „Kaufe niemals Aktien auf Kredit“. Vom Grundsatz her würde ich das auch so unterschreiben. Ist man sich jedoch der Risiken bewusst und besitzt man ein entsprechendes Risikomanagement, ist ein dosierter Einsatz aus meiner Sicht ein hilfreiches Konstrukt, seinen Depotwert über einen längeren Zeitraum zu steigern. Dies bedeutet natürlich auch, diesen nur in Phasen einzusetzen, in denen wir uns nicht am Hochpunkt einer Hausse befinden, bei der die Kurse den fundamentalen Unternehmenswerten enteilt sind.

Wie seht ihr das Ganze? Nutzt ihr Wertpapierkredite? Ich bin auf eure Kommentare gespannt.


Alle Artikel auf beamteninvestor.de stellen keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf eines Wertpapiers dar. Die Informationen geben lediglich einen Einblick in die Meinung des Autors.

2 Gedanken zu „Aktienkauf auf Kredit: Mein persönliches Regelwerk

  1. David Antworten

    Hallo Ben,
    super Beitrag. Habe das Gefühl, Du bist bei der Nutzung und Umsetzung des Wertpapierkredits bei Degiro von der selben Quelle wie ich inspiriert worden.
    Eine Anmerkung: dein Artikel “In drei Jahren…” funktioniert nicht mehr.

    Beste Grüße
    David

    • Beamteninvestor Autor des BeitragsAntworten

      Hi David,

      das mit der Quelle kann gut sein. Die ursprüngliche Idee hatte ich vom Atypisch Still Blog. Gute Arbeit, die dort gemacht wird.

      Viele Grüße,
      Ben

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